Wir schaffen das! SOR Gruppe der HH2 leistet aktive FlĂŒchtlingsarbeit

Foto SOR-Projekt FlĂŒchtlingsklasseKönnen Sie sich vorstellen, in einem Land zu leben, in dem seit Jahren, Jahrzehnten BĂŒrgerkrieg herrscht, in dem Gewalt und Folter, Vergewaltigung und UnterdrĂŒckung, Armut und Hunger, mangelnde Wirtschafts- und Bildungsinfrastruktur jede Perspektive auf ein noch so bescheidenes Dasein komplett zerstören?

Können Sie sich vorstellen, dass die Bewohner solcher LĂ€nder sich diesen Qualen und unmenschlichen Schikanen gerne und dauerhaft aussetzen, ihr Schicksal als FlĂŒchtling leichtfertig herbeigefĂŒhrt haben?

Können Sie sich vorstellen, dass es mit unseren mitmenschlichen und religiösen Grundwerten vereinbar ist, solchen FlĂŒchtlingen ihrem Schicksal zu ĂŒberlassen, sie abzuweisen, ZĂ€une zu bauen, nur um sich gegen vermeintliche Überfremdung zu schĂŒtzen?

Diese drei Fragen haben die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler (SuS) der HH2 mit einem klaren „Nein“ beantwortet, als sie im Rahmen der SOR-Initiative an der SDS auf Vorschlag von Susanne Claßen mit dem Thema „FlĂŒchtlinge“ in BerĂŒhrung kamen und es mit großer Begeisterung aufgriffen.

So wurde fĂŒr den 14. Oktober 2015 ein erstes Treffen in der Schulze-Delitzsch-Schule fĂŒr die Deutsch-Intensivklasse der Kerschensteinerschule (KSS) vorbereitet. Im liebevoll geschmĂŒckten Raum E03 wollten die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der HH2 bei Kuchen und GetrĂ€nken zunĂ€chst mehr ĂŒber diese Jugendlichen, ihre Schicksale und BedĂŒrfnisse erfahren. „Die FlĂŒchtlinge sollen sehen und spĂŒren, dass wir Menschen sind, die sich fĂŒr sie interessieren.“, so Ivana Hampel. Sanita Ram ergĂ€nzte: „Wir wollen ihnen helfen und unsere UnterstĂŒtzung anbieten.“

“Ich bin neugierig und motiviert fĂŒr das, was gleich kommen wird“, meinte Ralf Schechterli, kurz bevor die eine SchĂŒlerin und 14 SchĂŒler von zwei SchĂŒlern der HH2 abgeholt wurden. Sie stammten vornehmlich aus Äthiopien, Somalia und Syrien sowie einigen anderen LĂ€ndern und wurden von Frau Claßen mit einer kurzen EinfĂŒhrung „Was lĂ€uft in Deutschland ab?“ begrĂŒĂŸt.

Das Kennenlernen war in fĂŒnf Tischgruppen zu je zwei SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der Projektgruppe “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage” (SOR-Gruppe) und drei SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der Deutsch-Intensivklasse organisiert.

Nach der Vorstellung in den Gruppen wurden zunÀchst persönliche Fragen, wie
„Woher kommt ihr? Wie lange seid ihr in Deutschland? Wie alt seid ihr? Wie gefĂ€llt euch Deutschland? Was sind Eure Hobbys? Was möchtet ihr werden? Wo wohnt ihr? Habt ihr Geschwister?“ gestellt.

Die VerstĂ€ndigung klappte sehr gut auf Deutsch. Nur selten wurde auf Englisch ĂŒbersetzt. Die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der Deutsch-Intensivklasse werden mit 28 Wochenstunden, davon 16 – 17 Stunden Deutsch, sowie Mathematik, Erdkunde, Politik und Kunst unterrichtet. Es gibt drei Sprachlevel: A0 – A2, B0 – B2 und C0 – C2 (= höchstes, fast fließend). „Diese Klasse hat A2“ sagt Klassenlehrerin Annemarie Brinskelle und fuhr fort: „Ziel ist es, mindestens auf B1-Niveau zu kommen, um sie sodann in eine Regelklasse zu ĂŒberfĂŒhren.“ Der Unterricht fĂŒr diese Klasse findet im Rahmen des sogenannten Integrations- und Ausbildungsprogramms (InteA) des Hessischen Kultusministeriums statt.

Auf die Frage nach den Unterrichtsbedingungen berichtete Frau Brinskelle von einem entspannten Arbeitsklima in der Klasse, hoher Motivation der FlĂŒchtlinge, die Unterricht als Chance verstehen und nach dem Hauptschulabschluss mindestens den Realschulabschluss anstreben.

Die anfÀnglich etwas steife beziehungsweise abwartende AtmosphÀre wich nach kurzer Zeit einem lebhaften Informations- und Gedankenaustausch. Die Stimmung lockerte sich schnell. Die Stimmen wurden lauter, es wurde gelacht. Die Fremdheit verschwand auf beiden Seiten. Ganz normal. Ganz automatisch.

Einige SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der SOR-Gruppe wechselten sogar an einen anderen Tisch, weil sie die anderen FlĂŒchtlinge auch unbedingt kennenlernen wollten. Als Frau Clasßen mitteilte, dass um 15:30 Uhr die Kennlernphase beendet werden mĂŒsse, rief Sanita Ram„Können wir nicht lĂ€nger machen?“

So war es beeindruckend, zum Beispiel vom 19-jĂ€hrigen Abdighani aus Somalia zu erfahren, dass er seinen Vater im Krieg verloren hatte und seine Mutter, drei Schwestern und zwei BrĂŒder in Somalia zurĂŒcklassen musste, als er in einem kleinen Boot mit 120 Personen an Bord zwei Tage von Libyen nach Italien flĂŒchtete.

Und Abdighani entwickelte im GesprĂ€ch eine klar strukturierte persönliche Perspektive: „Höchste GĂŒter sind fĂŒr mich Frieden, Sicherheit und Bildung.“ Nach dem Hauptschulabschluss möchte er den Realschulabschluss erreichen, sodann Abitur machen. Nach der Ausbildung zum Krankenpfleger plant er ein Medizinstudium an der Mainzer Johannes-Gutenberg-UniversitĂ€t, um danach an einem deutschen Krankenhaus als Arzt zu arbeiten.

Der ebenfalls aus Somalia stammende 17 jĂ€hrige Abubakar ist begeisterter Fußballspieler und möchte eine Ausbildung zum Mechatroniker absolvieren.

Mohamed aus Äthiopien, 16 Jahre, der seit sechs Monaten in Deutschland lebt, liebt Fitness und StĂ€dte. Er will Ingenieurswesen studieren.

Krankenpfleger ist der Berufswunsch von Fahar aus Äthiopien, der bereits seit neun Monaten in Deutschland lebt und Spazierengehen und Fahrradfahren liebt.

Das Fazit der SOR-Gruppe war dann auch einhellig: „Sehr interessant, die VerstĂ€ndigung hat richtig gut geklappt“, meinte Lara, der Ivana zustimmte: „Es hat viel Spaß gemacht und war sehr aufschlussreich. Alle waren sehr gesprĂ€chig!” Ganz pragmatisch ging Yunus von der SOR-Gruppe vor: “Ich werde einem FlĂŒchtling, der Fußball spielt, einen Verein in seiner NĂ€he vermitteln, damit er dort spielen kann.“

Untereinander wurden Telefonnummern ausgetauscht. Die FlĂŒchtlinge dĂŒrfen bei allen Fragen gerne anrufen.

Im Rahmen des SOR-Programms werden nun weitere konkrete AktivitÀten geplant, ebenso wie ein zweites Treffen mit der KSS-Klasse.

Der SOR-Gruppe gebĂŒhrt große Hochachtung fĂŒr diese Initiative. Sie hat selbst erfahren, dass FlĂŒchtlinge der Hilfe bedĂŒrfen, aber auch motiviert sind, sich selbst zu helfen, und sie hat bewiesen, dass unsere Grundwerte ein stabiles Bollwerk gegen Vorurteile und Ressentiments darstellt, fĂŒr das einzutreten es lohnt.

Wir schaffen das!

(Petra Hilbert)

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